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Reviews of the International Handbook of Criminology (in German)

Schneider, Hans Joachim (Hrsg.): Internationales Handbuch der Kriminologie. Band 1: X, 1065 S. Verlag De Gruyter, Berlin 2007; Band 2: X, 1076 S. Verlag De Gruyter, Berlin 2009. Gebundene Ausgaben: pro Band 189.95 Euro; Serienpreis 149.95 Euro.


Die internationale Kriminologie hat im letzten halben Jahrhundert enorme Fortschritte gemacht. Sie hat sich aus einer strafrechtlichen und forensisch-psychiatrischen Hilfswissenchaft in eine selbstständige psychosoziale Disziplin gewandelt. Für diese Entwicklung waren die internationalen kriminologischen Kongresse, insbesondere auch die nordamerikanischen und - mit dem Jahre 2000 - die europäischen kriminologischen Jahrestagungen sowie die seit 1973 durchgeführten internationalen Viktimologie-Symposien maßgebend. Der Herausgeber dieses Handbuchs hat sie als Beobachter, Referent und Organisator wesentlich mitbestimmt. In diesem internationalen Handbuch wird das Ergebnis dieses Entwicklungsprozesses deutlich. In zwei Bänden und 60 Kapiteln bearbeiten 40 national wie internatioal führende Kriminologen aus zehn Ländern die kriminologischen Forschungserträge eines halben Jahrhunderts.


Im ersten Band (Grundlagen der Kriminologie) wird nach einem informativen Eingangskapitel (Schneider) über die Fortschritte der internationalen, der europäischen und der deutschsprachigen Kriminologie im ersten Teil die Kriminologie als interdisziplinäre und internationale Wissenschaft abgehandelt. Im ersten Kapitel zum Begriff und zu den Aufgaben der Kriminologie schließt sich Günther Kaiser der "Mainstream"-Kriminologie an und erörtert ihre Vorteile gegenüber den psychopathologischen und den kritisch-radikalen Richtungen. In den beiden historischen Kapiteln (Kury, Ferdinand) wird deutlich, dass man nicht mehr nur zwischen europäischen, bio-, psycho- und soziologischen Wurzeln der Kriminologie unterscheiden kann, sondern dass die heutige Weltkriminologie ihre Ursprünge in nordamerikanischen historischen Entwicklungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besitzt. Im theoretischen Kapitel (Schneider) werden nicht allein die "Mainstream"-Theorien diskutiert. Auch die kritischen Theorien erhalten eine Stimme, die allerdings facettenreicher ist als die kritische Theorie im deutschsprachigen Raum. Im Methodenkapitel (Schneider) zeigt sich, dass die Hauptrichtung der internationalen Kriminologie streng faktenorientiert ist. Das muss aber keineswegs negativ als "positivistisch" gewertet werden. Die moderne internationale Kriminologie vertritt vielmehr einen gemäßigten, kritischen Positivismus, wie er im starken evaluativen Teil des Methodenkapitels vorteilhaft zum Ausdruck kommt. Das Kapitel "Vergleichende Kriminologie" (Albrecht) trifft ins Zentrum moderner internationaler Kriminologie.

Im zweiten Teil des ersten Bandes geht es um Kriminalstatistik, Dunkelfeldforschung (Schneider), Sozialökologie (Wikström) und Kriminalprognose (Schöch). Mit Recht wird die Dunkelfeldforschung als zukunftsweisend herausgestellt. Sie wird in der deutschsprachigen Kriminologie allzu sehr zugunsten einer offiziellen Kriminalstatistik vernachlässigt, die durch die Reaktion auf Kriminalität verzerrt ist und deshalb häufig in die Irre führt.

Im dritten Teil des ersten Bandes werden Viktimologie (Schneider), Frauenkriminalität und Mädchendelinquenz (Schneider), Kinder- und Jugenddelinquenz (Dölling) sowie Seniorenkriminalität und -viktimität (Ahlf) dargestellt. Die Viktimologie ist ein Zentralanliegen der modernen internationalen Kriminologie. Sie deckt das verdeckte, verschleierte Opferwerden von Frauen und Kindern, von rassischen, religiösen und ethnischen Minderheiten, von Obdachlosen und Behinderten auf. Sie setzt sich für Opferrechte, für die Behandlung der Opfer zur Verhütung von Opferrückfälligkeit ein. Im Frauenkapitel wird der Geschlechterabstand bei der Kriminalität und Delinquenz, die Eigenart und die Ursachen der Frauenkriminalität und der Mädchendelinquenz nicht mit biologischen Faktoren, sondern mit sozialstrukturellen und Sozialprozess-Theorien erklärt.

Der vierte Teil des ersten Bandes widmet sich den Formen der Kriminalität, der Gewalt- (Walter), Eigentums- und Vermögens- (Kürzinger), Sexual- (Kury, Obergfell-Fuchs), Wirtschafts- und Umweltkriminalität (Geis, Cho, Di Mento), dem Organisierten Verbrechen (Schneider) und der politischen Kriminalität (Schneider). Die Entstehung des Organisierten Verbrechens wird auf eine defekte Sozialstruktur und auf die kriminelle Karriere der organisierten Verbrecher zurückgeführt. Sie werden zu organisierten Verbrechern in kognitiv-sozialen Lern- und Interaktionsprozessen. Man merkt, dass es dem Herausgeber ein besonderes Anliegen ist, die häufig vernachlässigte, aber äußerst schädliche politische Kriminalität zu diskutieren. Er erörtert sie in zwei Kapiteln. Die Ursachen für Genozid und Terrorismus sieht er wiederum in der Sozialstruktur und in einem psychosozialen Lern- und Interaktionsprozess. Er entwickelt - ein weiteres Mal - in überzeugender Weise sein Persönlichkeits-Prozess-Modell des politischen Straftäters.

Der fünfte und letzte Teil des 1. Bandes geht auf Reaktionen auf Kriminalität ein. Er enthält die Verbrechensverhütung (zwei Kapitel: Kube, Schneider), die Polizeiwissenschaft, -theorie und -forschung (Schneider), die Sanktionsforschung (Meier) und die Behandlung von Sexualstraftätern (Egg). Bei der Vorbeugung werden die weltweit wichtigsten Verhütungsprogramme differenziert besprochen. Auf evaluierte, auf Beweis gegründete, erfolgreiche Programme wird besonderer Wert gelegt. Das gilt vor allem für die Entwicklungsprävention, die auf der kognitiv-sozialen Lern- und Interaktionstheorie beruht. Polizeiwissenschaft, -theorie und -forschung werden ausführlich behandelt. Der Schwerpunkt dieses Kapitels liegt auf grundlegenden internationalen theoretischen, methodologischen und Forschungs-Aspekten, die der Entwicklung einer deutschsprachigen Polizeiwissenschaft mannigfaltige Anregungen und Anstöße zu theoretischer und empirischer Forschung zu geben vermögen.

Im zweiten Band (Besondere Probleme der Kriminologie) geht das Einleitungskapitel (Schneider) auf die Kriminalität, die Kriminologie und die Kriminalpolitik in Europa ein. Die Kriminalität europäischer Länder wird mit Dunkelfelddaten verglichen, Kriminologie und Kriminalpolitik in einigen europäischen Ländern prägnant skizziert und gegeneinander abgewogen. Neben Einleitung und Schluss besitzt der zweite Band sieben Teile. Im ersten Teil wird noch einmal der Genozid von einer jüngeren Kriminologin (Karstedt) aufgenommen; High-Tech-Verbrechen (Grabosky), international organisierte Schleusungskriminalität (Stock), der internationale Kriminalitätsvergleich (Hofer) und die international vergleichende Strafvollzugsforschung (Dünkel) werden erörtert; schließlich wird die kriminologische Forschung der Vereinten Nationen (Dijk) besprochen.

Der zweite Teil des zweiten Bandes widmet sich politischen und gesellschaftlichen Problemen. Im Kapitel über Kriminalität in den Massenmedien (Schneider) wird zur Erklärung der Wirkung der Gewaltdarstellung in Film und Fernsehen ein sozial-kognitives Informations-Verarbeitungs-Modell herangezogen, das es wesentlich auf das sozial-kognitive Lernen durch Beobachtung abstellt. Das Kapitel über Hass- und Vorurteilskriminalität (Schneider) entwickelt ein für Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus und Rechtsradikalismus einheitliches viktimologisches Verursachungskonstrukt des interaktiven Machtungleichgewichts. Im zweiten Teil werden schließlich noch einmal der Terrorismus (Stock) - diesmal mehr aus kriminalpolizeilicher Sicht -, die Korruption (Bannenberg) und die Geschichte der Kriminalität (Kaiser) besprochen.

Das erste Kapitel des dritten Teils setzt sich mit Kriminalität und Justiz in Skandinavien (Bondeson) auseinander. Denn die kriminalpolitischen Errungenschaften der skandinavischen Länder sind besonders interessant. Migration und Kriminalität (Grafl), Verbrechensfurcht (Obergfell-Fuchs, Kury), Gemeinschaftspolizeiarbeit (Skogan), restaurative Justiz (Braithwaite) sowie Drogen, Alkohol und Verbrechen (Sagel-Grande) sind die weiteren Themen des dritten Teils. Sie werden im vierten Teil durch Theorie- und Methodenprobleme bei der Erforschung der kriminellen Karriere (Marshall), bei der kriminologischen Verlaufsforschung (Boers) und bei der Darstellung der Kriminalität in der Literatur (Müller-Dietz) ergänzt.

Der fünfte Teil des zweiten Bandes wird von einem Kapitel über Tötungsdelikte (Mouzos) eingeleitet. Zentralartikel dieses Teils sind Gewalt in der Familie (Schneider) und in der Schule (Schneider). Die mannigfaltigen Formen der nichttödlichen und der tödlichen Familien- und Schulgewalt werden differenziert und sorgfältig erörtert. Beide Gewaltkomplexe sind zentral. Denn in Familie und Schule wird Gewalt gelernt. Die Ursachen der Gewalt in Familie und Schule werden auf eine Theorienkombination zurückgeführt, in der die kognitiv-soziale Lerntheorie und die Kontroll-Gleichgewichts-Theorie maßgebliche Rollen spielen. Der fünfte Teil schließt mit einer Erörterung des (non-helping) Bystander-Phänomens (Schwind).

Besonderes Gewicht wird im sechsten Teil auf sexuelle Gewalt und ihre Entstehung gelegt. Nach der Erörterung der sexuellen Kindesmisshandlung und des sexuellen Kindesmords (Krahé) wird die Vergewaltigung (Schneider) präzis und anschaulich diskutiert. Sie wird als kein seltenes, sondern - nach der Dunkelfeldforschung - als ein häufig verübtes, unterberichtetes und schlecht kontrolliertes Delikt gesehen. Ihre Ursachen gehen auf männliche Domination in der Gesellschaft (Kontrollungleichgewicht) und auf kognitiv-soziales Lernen von Skripten (Verhaltensabfolgen), kognitiven Verzerrungen und Neutralisationen zurück. Mit Recht wird die Sexualdelinquenz von Kindern und Jugendlichen (Schneider) als besonderes Problem bearbeitet. Denn sie sind eine einzigartige Gruppe, die spezifischer und gezielter psychosozialer Beurteilung und Behandlung bedarf. Bei ihrer psychosozialen Begutachtung kommt die Persönlichkeits-Prozess-Theorie ganz wesentlich zum Tragen. Diese Theorie wird auch bei der Rückfallprognose (Schneider) und bei der Behandlung von Sexualstraftätern (Schneider) maßgeblich herangezogen. Die aktuarische (statistikbezogene) Rückfallprognose ist der klinischen überlegen. Denn die aktuarische Prognose stützt sich auf dynamische Persönlichkeitszüge, die als Rückfallfaktoren mit dem kriminellen Geschehen in unmittelbarer Verbindung stehen. Diese dynamischen Persönlichkeitszüge sind wiederum für die Behandlung von Sexualrechtsbrechern relevant. Denn sie sind erlernt und müssen bei der Behandlung "verlernt" werden. Bevorzugte, evaluierte und erfolgreiche Behandlungsformen sind deshalb kognitives Verhaltenstraining und Rückfall-Verhütungs-Training.

Im siebten Teil wird in zwei Kapiteln zur Bandendelinquenz (Weitekamp, Sarnecki) die Frage behandelt, ob die Erscheinungsformen der Bandendelinquenz in Europa und in den USA einheitlich oder unterschiedlich sind. Den Schluss bildet ein Kapitel über die Freiheitsstrafe (Schneider), in dem aufgrund empirischer Forschung herausgearbeitet wird, dass die Häufigkeit der Verhängung von Freiheitsstrafen auf gesellschaftlichen Lernprozessen beruht.


Aus dem Literaturecho:

Das Gesamtwerk "ist eine Fundgrube kriminologischer Information. Die Einzelbeiträge zeichnen sich nicht nur durch ein anspruchsvolles wissenschaftliches Niveau und durch ihre Aktualität aus. Sie sind auch charakterisiert durch ihre internationale, europäische Orientierung, ohne dass die deutschsprachige Kriminologie in den Hintergrund gedrängt wird. Hierbei geben die Artikel des Herausgebers, die etwa ein Drittel des Gesamtwerks ausmachen, dem Gesamtwerk Gesicht und Gepräge. ...Die beiden Bände des "Internationalen Handbuchs der Kriminologie" werden maßgeblich zur grundlegenden Erneuerung und Modernisierung der deutschsprachigen Kriminologie beitragen."

Prof.Dr. Gerd Ferdinand Kirchhoff in: Monatsschrift für Kriminologie und Strafrechtsreform


"Die Beiträge zeichnen sich nicht nur durch ihr wissenschaftlich hohes Niveau und ihre Aktualität aus, sondern - ohne dass die deutschsprachige Kriminologie in den Hintergrund gedrängt würde - auch durch ihre internationale und europäische Ausrichtung. ...Ein Buch von handlichem Umfang und Format, das den Stoff des Wissensgebietes in kurz gefasster, aber doch eingehender Form bietet."

Prof.Dr.Klaus Laubenthal in: Juristenzeitung


Criminological research "has become more empirical, more scientific and more international and interdisciplinary. All these trends can be seen in the Handbook, which is perhaps the most wide-ranging book on criminology that has ever been published."

Prof.Dr.David P. Farrington im Vorwort des 1. Bandes


"Die Erkenntnisse der "Hauptstrom"-Kriminologie liegen allen Kapiteln zugrunde, die sich ausnahmslos auf einem hohen wissenschaftlichen Niveau befinden. Freilich werden auch Auffassungen kriminologischer Nebenrichtungen referiert. ...Beide Bände stellen einen imponierenden Überblick über ein halbes Jahrhundert internationaler kriminologischer Forschung dar."

Prof.Dr.Brunon Holyst in: Kriminalistik


"Hans Joachim Schneider, der nicht nur die E inführung in die Aufgabenstellung des Buches verfasst hat, beschreibt in 10 weiteren Beiträgen konkrete Arbeitsbereiche der internationalen Kriminologie. Sein Stil und sein anspruchsvolles wissenschaftliches Niveau prägen den Charakter des Gesamtwerks."

Dr.Klaus Koepsel in: Forum Strafvollzug.


"Insgesamt erfüllt dieses Handbuch die Erwartungen, die mit dem Titel "Internationales Handbuch der Kriminologie" geweckt werden, in vollem Umfang. ...Qualitativ kann" es "uneingeschränkt als ein Standardwerk der Kriminologie für eine Fachbibliothek und für das vertiefende Studium empfohlen werden."

Kriminaldirektor Detlef Schröder in: Forum Kriminalprävention

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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